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No Country For Old Men

Ob das mit den mangelnden Englischkenntnissen des Wiener Publikums zu tun hatte, entzog sich meiner Kenntnis, aber die betretene Schockstarre die plötzlich die lautstarke Begeisterung kurzzeitig zum Ersiegen brachte, verwirrte selbst den alternden Gary Brooker gehörig. Und wie!

Dabei hatte alles einen grandiosen Anfang genommen. Procol Harums Musik riss sehr bald die etwa 1600 Zuschauer in der Bank Austria Halle im Gasometer von ihren Sitzen, unter denen sich etliche „Virgins“ befinden mussten, womit aber nicht der biologische Zustand des Einzelnen gemeint war sondern Garys eigenwillige Kategorisierung: Alle, die noch nie und daher gestern zum ersten Mal ein Procol Harum Konzert besuchten, waren seiner Meinung nach „Virgins“. Dass wir im Kollektiv nun keine mehr sind, hat also vermutlich etwas mit dem Besuch im Gasometer zu tun.

Procol Harums Musik ist nicht ein einfaches Dahinwummern von ohrflatterndem Rock und Pop sondern genial verstrickt mit Bach (dem Johannes Sebastian), Soul und Modern Jazz. In „Sunday Morning“ etwa, dieser wehmütigen Ode über einen einfachen arbeitenden „working-class“ Mann, der dem Wochende entgegenfiebert mit „hard drink and hard play“, waren die einleitenden Keyboardtöne unüberhörbar J.S. Bach. „A Whiter Shade of Pale“ das Magnum Opus, auf das die 1600 sehnsüchtig gewartet haben und schließlich spitzbübisch ganz am Ende als Draufgabe angehängt, ein wunderbares Finale, zerriss einem beinahe das Herz in seiner Emotionalität. Musikwissenschaftlich gehört der Song wegen seines klassischen Einflusses zum sogenannten „Baroque Rock“. Gary Brooker, Komponist und Sänger mit der markanten Stimme, hatte die Idee zu der Akkordfolge aus Johannes Sebastian Bachs „Air aus der Suite Nr. 3 D-Dur“. Der Popsong besteht aus zwei Melodien, und zwar der gesungenen und der von der Orgel kontrapunktisch gespielten. Die Kompositionstechnik des Kontrapunktes erlebte bei Bach ihren Höhepunkt. Das Stück gilt als erste Bearbeitung von Bach-Werken in der Rockmusik, nämlich des Eingangschors der Kantate 140. Es handelt sich jedoch nicht um eine echte Bearbeitung, da nur die Harmonieabfolge der ersten Takte übernommen wurde. Was für ein würdiger Abschluss eines großartigen Abends.

Aber dann kam schon wieder der Brexit dazwischen. Ich habe keine Ahnung was Gary Brooker plötzlich geritten hat, um ihn ins Gespräch zu bringen. Doch irgendwann nach der Pause im zweiten Teil des Konzerts geschah es. Etwas weinerlich stellte er fest, dass die Briten auf ihrer Insel so ziemlich verlassen wären. Sie hatten entdeckt, dass sie Brüssel einfach nicht mochten (dazu gab es vereinzelten aber etwas matten und kurzen Applaus). Offensichtlich ermutigt von dieser kleinen Sympathiebekundung bat er, sie, die Briten doch im Brexit ziehen zu lassen. Wir könnten alle dabei helfen, wenn wir unseren „Prime Minister“ nicht mehr wiederwählen. Besser noch, wenn wir ihn doch bitten würden, netter zu den Engländern zu sein. Ja, wie hieß denn unser „Prime Minister“? Die Reaktion des Publikums war die einer verblüfften Starre. Er wandte sich an die erste Reihe fußfrei und erhielt ebenfalls keine Antwort. „Ihr habt doch einen ‘Prime Minister’?“. Schweigen. „Habt ihr einen Präsidenten?“ Wieder nichts. „Do you have a Queen?“. Man hätte dabei vielleicht ein Kichern erwartet. Aber weiterhin Totenstille der 1600. Betretene Verlegenheit hatte sich breit gemacht. Vielleicht hätte jemand in diese Stille hineinbrüllen sollen: “Stop this crap and get on with the music!“ So blieb dem humanistisch gebildeten Zeitgenossen nichts anderes übrig als vor sich hinzumurmeln: “Si tacuisses philosophus mansisses.“

Dass auch kleine Wunder geschehen können, ermöglichte unser Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch, dem es mit großem Aufwand gelang, doch noch vor der Vorstellung die gesamte Band von Procol Harum um uns, einer erlesenen Gruppe von Vorstandsmitgliedern der Austro-British Societey zu scharen. (ABS: „ An Appreciation Society drinking PG Tips while listening to Procol Harum and eating Digestive Biscuits“ copyright Gary Brooker). Der Vollständigkeit halber wäre abschließend zu berichten, dass sowohl Geoff Whitehorn (Gitarre) als auch Josh Phillips (Orgel) sich gegen den Brexit uns gegenüber ausgesprochen haben.

Dass Gary Brooker 172 Songs geschrieben hat, darf nicht unerwähnt bleiben. Dass es mehr werden könnte, liegt auf der Hand: ist er doch erst 73.

Wolfgang Geißler

 

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