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Europa in Wien - der Wiener Kongress 1814/1815 mit Univ. Prof. Dr. Lothar Höbelt

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„Er erzählte uns alles: Professor Lothar Höbelt. Es tranken alle: Mitglieder der ABS. Es zahlte für alles: Die ABS.“
Oder
Der Wiener Kongress tanzt mit ABS

Bereits im Oktober 1814 zirkulierte in Wien ein Flugblatt, in dem sämtliche zum Kongress versammelten Monarchen mit folgenden satirischen Inschriften bedacht wurden:

„Er liebt für alle: Alexander von Russland. Er denkt für alle: Friedrich Wilhelm von Preußen. Er spricht für alle: Friedrich von Dänemark. Er trinkt für alle: Maximilian von Bayern. Er frisst für alle: Friedrich von Württemberg. Er zahlt für alle: Kaiser Franz“.

Es sind auch die Worte von Kaiser Franz überliefert, als er im Kreis seiner Mitarbeiter seufzte: „Wenn das noch lang so weitergeht, lass ich mich pensionieren“. Zum Glück kam es nicht dazu.

Mit jenem Zitat empfing der Präsident der Österreichisch-Britischen Gesellschaft, Kommerzialrat Dr. Kurt Tiroch die geladenen Gäste im Groteskensaal des Unteren Belvederes und hieß sie wieder einmal mit gewohnt launigen Worten willkommen.

Universitätsprofessor Dr. Lothar Höbelt übernahm daraufhin die Führung durch die Schauräume des Schlosses, ging auf jedes historische Detail ein und ließ mit seinen geistreichen Anekdoten die Zeit des Wiener Kongresses vor unseren Augen lebendig werden.

Einen Kongress, wie diesen hat es in der Geschichte nie gegeben. Eigentlich hat er gar nicht getagt, denn eine Vollversammlung wurde nie einberufen, sie wäre ohnehin wegen der hohen Zahl der Teilnehmer nicht arbeitsfähig gewesen.

In gewisser Weise hat die Rückkehr Napoleons aus dem Exil in Elba den Kongress gerettet. Hunderte von Fragen hatten sich aufgestaut, und es war keine Lösung in Sicht, und nun musste alles sehr schnell gehen. George Clemenceau im Rückblick: „Der Robinson Crusoe von Elba zerstreute alle Narreteien, indem er einfach nur die Insel wechselte.“

Am 18. Juni 1815 fand die entscheidende Schlacht bei Waterloo statt, die Napoleons „Herrschaft der 100 Tage“ beendete und er sich in die Hände der britischen Regierung begeben musste, die ihn auf die ferne Atlantik Insel St.Helena bringen ließ.

Der für seine Schrullen bekannte und etwas eigenwillige Generalfeldmarschall von Blücher, der nach London eingeladen war und im Triumph auf der Themse der Öffentlichkeit präsentiert wurde, wandte sich an den Herzog von Wellington und rief begeistert aus: „ Was für eine wunderbare Stadt zum Plündern!“

Eröffnet wurde der Kongress eigentlich auch nicht, denn die Besucher kamen gleitend im Herbst 1814 in Wien an und begannen am 1. November mit der Arbeit. Doch zumindest der Schluss ist eindeutig datierbar: Am 11. Juni 1815 wurde der Wiener Kongress offiziell beendet, zwei Tage zuvor wurde in einer feierlichen Zeremonie in Gegenwart aller Delegationen die Schlussakte unterzeichnet. Das Originaldokument befindet sich seit 1815 in Wien. Zu Recht: Österreich hat den Kongress nicht nur finanziert, sondern auch mit Außenminister Metternich die treibende Person bei den Verhandlungen gestellt. Zugleich gelang es mit Anmut und Würde den Rang einer europäischen Großmacht unter Beweis zu stellen.

„Niemals waren die Erwartungen der Öffentlichkeit so hoch gesteckt wie vor der Eröffnung dieser feierlichen Zusammenkunft. Von ihr versprach man sich eine allgemeine Reform des politischen Systems Europas, Garantien für einen ewigen Frieden, ja sogar die Rückkehr des Goldenen Zeitalters“, schrieb Friedrich von Gentz im Sommer 1815.

Professor Höbelt ließ die Hauptakteure vor unseren geistigen Augen Revue passieren:
Zar Alexander I.: Der Stargast. Keinen umschwärmten die Wiener so wie den damals 36-jährigen Zar Alexander I. 1814 hatte er noch den Ruf eines liberalen Reformers, den er später verlieren sollte. Er hatte Wien als Ort für den im Ersten Pariser Frieden beschlossenen „allgemeinen Kongress“ vorgeschlagen, und die Bevölkerung war von ihm begeistert: weil er äußerst attraktiv und charmant war, weil er so viel tanzte und mit seinen Frauengeschichten für Unterhaltung sorgte (zumal den allgegenwärtigen österreichischen Spitzeln nichts Privates entging).

Von wegen „Polizeistaat“, das man dem Metternich’schen Regime bösartig nachsagte: Professor Höbelt erläuterte, dass das gar nicht möglich gewesen wäre, da damals die Polizei der Grundherrschaft unterstand somit der „Polizeistaat“ eine reine Erfindung der Nachwelt war. Die Spitzeln während des Wiener Kongresses aber nicht. Denen verdanken wir aber die vielen Geschichten.

Talleyrand: Der gerissene Verlierer. „Sie waren doch schon einmal hier in Wien, mein Herr?“ – „Ich habe mein möglichstes getan, um es zu vergessen, Madame.“ Diese Anekdote passt zu der lange Zeit markantesten Figur der französischen Politik. Der Bischof und Staatsmann war 1814 unter dem dritten Regime tätig (drei weitere folgten). Im Gefolge Napoleons (der ihn einen „Haufen Scheiße in Seidenstrümpfen“ nannte) war er 1805 in Wien eingezogen, nach dessen Sturz unter dem Bourbonenkönig Ludwig XVIII. Außenminister geworden. Trotz seines Klumpfußes wirkte er elegant, gleichzeitig war er arrogant, geistreich und ein genialer Taktiker und Manipulierer.

Frankreich war besiegt, man hätte sich Demut erwartet, stattdessen trat der „Voltaire der Diplomatie“ (Goethe) erfolgreich als gleichrangiger Verhandlungspartner auf. Als sich die „Großen Vier“ in einem der ersten Sitzungsdokumente als „Verbündete“ bezeichneten, schalt er: „Gegen wen sind Sie verbündet? Gegen Napoleon? Der sitzt in Elba! Gegen Ludwig XVIII.? Der ist Ihr Verbündeter!“ Er bat um große Rücksichten für Frankreich, „damit Sie es nicht unterschätzen“. Seine Taktik war es, für das „Legitimitätsprinzip“ und den Vorrang des „Rechts“ zu kämpfen, gegen die bloße Macht des Stärkeren. Das „erlaubte es ihm“, meint sein Landsmann Thierry Lentz, „sich in das diplomatische Spiel einzuschleichen, die Rationalität zu betonen, nur um sie über den Haufen zu werfen, wann es ihm passte“.

Talleyrand war auch Meister darin, seine Verhandlungspartner zu verwirren und die Risse zwischen den „Großen Vier“ (v. a. zwischen England und Österreich auf der einen, Russland und Preußen auf der anderen Seite) zu nutzen. Kein Wunder, dass von ihm amüsante Definitionen der Diplomatie geblieben sind, etwa die folgende, die wie maßgeschneidert für seine Wiener Auftritte wirkt: Diplomatie sei „die Kunst, einem anderen so lange auf die Zehen zu steigen, bis dieser sich entschuldigt“. Allerdings blieb von seiner Rolle in Wien nicht nur die des schlauen Fuchses, sondern auch, dass er mit seiner „Erfindung“ des Legitimitätsprinzips das Völkerrecht weiterentwickelte.

Metternich: Österreichs Moderator. Wie der österreichische Kongressleiter, der im Rheinland aufgewachsen war, Zeit für so viel Diplomatie und für zahlreiche Liebesaffären fand, erklärte er so: „Ich mache nichts, was andere auch machen können.“ Seine Karriere hatte den Fürsten mit fast allen führenden Köpfen Politik bekannt gemacht, in Berlin hatte er Zar Alexander kennengelernt, in Frankreich Talleyrand und Napoleon (Letzterer soll über ihn gesagt haben: „Jeder lügt ein paarmal, aber immer lügen, das ist zu viel.“). Metternich, dem Kaiser Franz I. voll vertraute, war schon 1814 reformfeindlich. Er wollte ein europäisches Gleichgewicht der Souveräne mit einem starken Österreich.

Aber die wirklich großen Stars, so Prof. Höbelt, waren immer noch Metternich und Talleyrand, der als er vom Tod des alten Fuchses erfuhr sagte: „Ich frage mich, was er damit wohl meinte.“

Hardenberg: Der deutsche Realist. Die preußische Delegation galt als die größte und fleißigste. König Friedrich Wilhelm III., „eine Gestalt wie aus der Rüstkammer“, repräsentierte nur und überließ, anders als der Zar, das Verhandeln seinem Außenminister und Staatskanzler, Karl August Fürst von Hardenberg. Diesem „großen Alten mit dem Haar aus Schnee“ gelang es 1815, Preußen große Gebiete zu verschaffen. (Man musste die protestantischen Preußen zu ihrem Glück zwingen, so Prof. Höbelt, als man ihnen das katholische Rheinland zuschlug in dem sich noch das Ruhrgebiet mit seinen Kohlenlagern verbarg. Etwas ähnliches geschah auch mit dem kalvinistischen Holland und dem katholischen Belgien, das ihnen zugeschanzt wurde.) Nach dem Kongress schuf er dort eine neue Verwaltung, brachte den Preußenkönig auch zum Versprechen, eine Verfassung zu erlassen, und gilt heute als großer Staatsreformer.

Castlereagh: „Lord Pumpernickel“. Von den Feinheiten der Etikette hatte der englische Delegationsleiter keine Ahnung, seine Frau wurde ob ihrer „lächerlichen“ Kleidung verspottet und weil sie sich den Hosenbandorden ihres Mannes als Schmuck ins Haar steckte. Aber auch wenn die Engländer unbeholfen durch die kontinentale Intrigenwelt und deren mondäne Sitten stolperten: Robert Stewart, Viscount Castlereagh, spielte eine wichtige Rolle für den Kongress-Erfolg. Schon vorher hatte er großen Anteil am Plan, die Neuordnung Europas den Besiegern Napoleons zu überlassen. Als Delegationsleiter war er weisungsfrei und selbstständig. Castlereagh wollte das durch Frankreich und Russland bedrohte Gleichgewicht wiederherstellen, den Verlierer Frankreich aber einbinden anstatt auszuschließen. Genau das sehen Historiker heute als große Leistung des Wiener Kongresses – vor allem im Gegensatz zur fatalen Demütigung Deutschlands im Versailler Vertrag rund 100 Jahre später.
Vor dem großen Bildnis Kaiser Franz II/I verweilend erklärte Professor Höbelt, was an diesem Gemälde so bemerkenswert war. Der Kaiser trug keine Uniform, wie das bei Monarchen so üblich war sondern seinen Krönungsornat. Auch klärte er uns auf, warum Kaiser Franz als er zum österreichischen Kaiser wurde, sich Kaiser von Österreich nannte: Da Österreich kein geographisches Gebilde, also man nicht wissen konnte, wo Österreich anfing oder aufhörte, sondern der Namen der Dynastie war, Casa Austria, Haus Österreich eben, war der Name für das Kaiserreich, dessen mögliche Expansion man nicht vorhersehen konnte, weise gewählt.

Ach ja, Beethoven: Beethoven und sein von ihm einst so verehrter Held Napoleon Bonaparte begannen ihren jeweils letzten Lebensabschnitt in mehr oder weniger persönlicher Freiheit, wobei jedoch Beethoven durch seine unvergleichliche dritte Schaffensperiode eindeutig als Sieger hervorging.

Die Führung war leider an ihrem Ende angekommen und ich konnte nicht umhin, Professor Höbelt mental großen Dank zu zollen (ich habe das auch beim Sekt persönlich getan), denn es tat der österreichischen Seele schon gut, von österreichischen Großtaten zu hören. Da im Namen unserer Gesellschaft Österreich sogar an prominenter Stelle vorkommt, fand ich das auch durchaus angebracht.

Im Freien wieder angekommen, erwartet uns bereits Erfrischung. Der Sekt floss in Strömen und gab unseren Mitgliedern die ersehnte Möglichkeit, sich und besonders ihre Füße, zu erholen. So muss es auch beim Wiener Kongress zugegangen sein. Getanzt haben wir aber nicht.

Wolfgang Geißler